Lilith - wunschlos glücklich

Leseprobe

 

Lilith – wunschlos glücklich

 

2

 

Lilith



 

Wie so oft in den letzten Nächten, wurde ich auch in der heutigen wieder unplanmäßig wach. Früher – als in meinem Leben noch alles in Ordnung war, wäre mir das nie passiert. Ich hatte schon immer einen gesunden Schlaf, aus dem mich noch nicht einmal ein Erdbeben oder dergleichen hätte reißen können. Komisch, wie sich das Leben doch schlagartig ändern konnte.

 Hektisch atmend schielte ich auf meinen Wecker. Es war wie jede Nacht seit dem Tod meiner Großmutter. Pünktlich um 2.00 Uhr weckte mich der immerwährend gleiche Albtraum. Ihr Todeszeitpunkt.

  Ich setzte mich auf, griff nach dem Glas Wasser auf meinem Nachtisch und leerte es in einem Zug. Danach stellte ich es, immer noch etwas atemlos, wieder zurück. Das Mondlicht schien hell in mein Zimmer – es war Vollmond. Ich wollte mich schon wieder hinlegen, als mir Grannys Ölkanne ins Auge fiel. Das einfallende Mondlicht schien sich auf ihr zu bündeln und das Teil strahlte mich regelrecht an.

  Sollte dies eine Aufforderung sein?

  Seit ich sie nach ihrem Tod vor vier Wochen bekommen hatte, lag sie fast unberührt, in einem meiner vollgestopften Bücherregale herum. Dahin hatte ich das unbrauchbare Teil verbannt, nachdem Camille sie ausgiebig inspiziert hatte. Sie hielt das Ding doch tatsächlich für wertvoll und wollte sie auf Hochglanz polieren. Aber ich konnte es nicht ertragen, dass sie daran herumhantierte, also hab ich ihr die Kanne postwendend entrissen und in eines meiner Bücherregale geschmissen. Seitdem vegetierte dieses Karaffen ähnliche Ding fast wie ein Fremdkörper, der hier absolut nicht hergehörte, zwischen meinen heiß geliebten Büchern. Viele davon hatte ich mir zusammen mit meiner Oma auf diversen Flohmärkten gekauft. Nun musste ich das alleine tun. Nie wieder würde ich mit ihr Samstags die Märkte der Stadt abklappern können – nie mehr würde ich aus ihren Händen ein Buch erhalten – niemals wieder würden wir uns über die Geschichten darin unterhalten können…

  »Was soll ich damit tun Granny…? Wieso hast du mir von all den Dingen, die wir gemeinsam hatten, nicht das geringste vermacht – warum bekam ich ausgerechnet dieses olle Ding?« Ich erhielt logischerweise keine Antwort auf meine Fragen und ich hatte noch so viele, die mir auf der Seele brannten. Ihre Stimme fehlte mir – so sehr. Aber in meinem Zimmer blieb es still.

  Mir entfuhr ein resignierter Seufzer, während ich die Decke zurückschlug und barfuß über den kalten Fußboden tappte. Es war frisch geworden und ich beeilte mich, um schnellstens wieder unter meine warme Decke schlüpfen zu können. Auf Zehenspitzen angelte ich die Kanne aus dem obersten Regalfach und hüpfte damit zurück ins Bett. Sie lag kalt und schwer auf meinem Federdeckbett. Nur schemenhaft zeichneten sich ihre Konturen, im Schein des Mondlichts auf dem Laken ab. Ich beugte mich zur Seite und betätigte den Lichtschalter.

  Mein Gott war das Teil hässlich…

  Ein weiterer Seufzer entfuhr meinen Lippen. Ich erinnerte mich an die dazugehörenden Worte in Grannys Brief.

 

 

  …Ich wünsch dir nur das Beste, meine kleine Lilith und auch wenn du es jetzt nicht verstehst, diese Ölkanne die ich dir hinterlasse, war die beste Investition meines Lebens. Und darum hinterlasse ich sie dir. In der Hoffnung, dass auch du mit ihr dein Glück findest…

 

 

  Ich saß da, die Kanne in meinem Schoß und ließ meinen Tränen, die immer noch nicht versiegt waren, freien Lauf. Mein Blick verschleierte sich, aber ich hörte es unablässig von meinem Kinn auf das harte, goldene Metall unter mir tropfen. Pling – pling – pling…

  Jetzt krieg dich mal wieder ein Lilith, ermahnte ich mich, wischte mir mit dem Ärmel die Tränen aus meinem Gesicht und schniefte in ein buntes Taschentuch, welches ich danach im hohen Bogen in den Mülleimer neben meinem Schreibtisch warf. Zumindest versuchte ich es. Aber es landete – wie so viele andere zerknüllte Schneuzfetzen der letzten Tage, nur irgendwie in der näheren Umgebung meines Schreibtisches. Was solls… Ich war echt zu kaputt um es aufzuheben…

  Mein Blick wanderte in meinen Schoß. Jetzt war die Kanne nicht nur hässlich und matt – sondern auch pitschnass und ich bekam irgendwie ein schlechtes Gewissen. Die Kanne war meiner Granny wohl irgendwie wichtig, sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass ich sie so stiefmütterlich behandle. Ich beschloss einen schönen Platz für sie zu finden und sah mich in meinem Zimmer um.

  Mein Nachttisch erschien mir am besten geeignet, aber so schmuddelig gab sie darauf kein gutes Bild ab. Es war komisch das meine Oma etwas, das ihr anscheinend so immens am Herzen lag, so dermaßen verkommen ließ…

  Ich ließ meine Zunge in meinem Mund kreisen und sammelte etwas Spuke in meinen Mundwinkeln. Eklig aber sehr effizient. Nachdem ich zwei- dreimal darauf gespuckt hatte, begann ich mit meinem Ärmel großzügig über die Kanne zu reiben.

  Nur Sekunden später, begann es darin zu brodeln. Rauch stieg auf und es zischte und pfiff – fast so, als ob man in einer alten Teekanne Wasser aufgesetzt hätte. Panisch über diese… Selbstentzündung, warf ich die Kanne hochkant aus meinem Bett. Mit einem tiefen plong schlug sie scheppernd auf dem Holzfußboden am Fußende meines Bettes auf. Immer mehr Rauch stieg auf und nun kam auch noch ein gespenstisch blaues Leuchten hinzu. Eigentlich viel zu untypisch für ein Feuer und auch mein Rauchmelder war, trotz der schwelenden Schwaden an der Decke unter ihm, immer noch mucksmäuschen still. Die, von mir zuerst vermutete Selbstentzündung schied also wohl aus.

  Ich hätte gerne nach meinen Eltern gerufen, und obwohl ich es abermals versuchte, saß ich wie versteinert in meinem Bett und bekam keinen einzigen Piep über meine Lippen. Das Leuchten breitete sich mehr und mehr in meinem gesamten Zimmer aus, während der immer noch aufsteigende Rauch, genau das Gegenteil tat. Dieser zog sich langsam zusammen und formte, zu meinem Erstaunen, die Umrisse einer menschlichen Silhouette.

  Ich zog ängstlich die Beine an meinen Körper, löschte das Licht auf meinem Nachttisch und zerrte mir die Zudecke bis über meine Nasenspitze nach oben. So – von der mondbeleuchteten Dunkelheit und meiner Decke beschützt, beobachtete ich, die sich ständig veränderten Rauchschwaden. Anfangs konnte ich, wie das bei Rauch eben so ist, noch hindurchsehen. Doch das wurde nun immer schwerer. So sehr ich mich auch konzentrierte, nach einigen weiteren Sekunden, die mir ehrlich gesagt wie Jahre vorkamen, wurde das blaue Rauchgebilde fast undurchschaubar für mich.

  OMG, was hatte mir meine Oma da hinterlassen?

  Mit einem leisen Klirren verschwanden Rauch und Licht und hinterließen eine große, breitschultrige, gut riechende Gestalt inmitten meines Zimmers. Den Umrissen nach zu urteilen, stand da ein Junge… oder ein Mann… Ich hatte keine Ahnung.

  Während ich überlegte, wie ich aus dieser Geschichte wieder herauskam, musterten wir einander still. Er bewegte sich nicht, und er sprach auch nicht. Das einzigste, was ich in der erdrückenden Stille vernahm, war mein immer noch viel zu polternder Herzschlag und seine ruhige, gleichmäßige Atmung.

  Ich holte, wie um mir Mut zu verschaffen, noch einmal tief Luft, und fragte leise – fast zaghaft in den Raum – »Wer bist du?«

  »Ich bin Luc – dein Dschinn.«

  »Mein was?«, fragte ich irritiert und betätigte wie von unsichtbaren Zügeln geführt den Lichtschalter neben meinem Bett. WOW… Vor mir stand ein wirklich mega-süß aussehender Junge. Er musste schätzungsweise einen Kopf größer sein als ich, und hatte einen ultraheißen Körper, welcher in einer ausgewaschenen Jeans, Shirt, Lederjacke und schwarzen Converse Chucks steckte. Seine ebenso schwarzen Haare standen wild in alle Richtungen wobei sein, etwas längerer Pony leicht sein rechtes Auge… waren das wirklich grüne Augen… verdeckte.

  Langsam senkte ich die Decke und schämte mich fast für meinen Schlapperpyjama, den ich ausgerechnet heute als Nachtgewand erwählt hatte.

  »Dein Dschinn!«, wiederholte er. Und nun mach schon, ich hab nicht die ganze Nacht Zeit… wünsche!«

  »Ich habe aber keinen Wunsch«, erklärte ich mit belegter Stimme und war immer noch ganz geblendet von seiner schillernden Ausstrahlung.

  Er schien etwas überrumpelt angesichts meiner Antwort und ließ sich aufstöhnend und sichtlich genervt rücklings in meinen Schreibtischstuhl plumpsen. »Na das kann ja heiter werden…«, murmelte er.

  »Was heißt da… das kann ja heiter werden?«, fragte ich meinerseits leicht angesäuert. Den Pluspunkt, welches ihm sein äußeres Erscheinungsbild bei mir verschafft hatte, wurde von seinem missmutigen Gehabe sofort ratzeputz aufgefressen. Eine Weile saßen wir uns so gegenüber und sahen einander unverhohlen an.

  »Hast du jetzt einen Wunsch?«, quengelte er erneut und schielte nun, scheinbar gelangweilt an mir vorbei. Aber ich hatte immer noch keinen Wunsch. Und selbst wenn, hätte ich ihn – nur um ihn zu ärgern, nie laut ausgesprochen. Und so antwortete ich – »Nein.« Langsam rutschte ich an das Kopfteil meines Bettes, klopfte mein Kissen zurecht und machte es mir gemütlich. Ich hätte total verängstigt sein sollen, immerhin stand da ein fremder – wenn auch gut aussehender, Junge mitten in meinem Zimmer. Dennoch war ich die Ruhe in Person. Ich wusste zwar immer noch nicht, wie mir geschah, aber da meine Granny immer genau wusste was sie tat, gab es auch jetzt keinen Grund für mich an ihrem Handeln zu zweifeln. Wenigstens ergab ihr letztes Geschenk an mich nun einen Sinn.

  Er beobachtete derweil jede meiner Bewegungen, und als ich mich entspannt zurückgelehnt hatte, frage er erneut – »Und jetzt?« Aber ich schüttelte nur verneinend den Kopf. Luc – wie er sich vorgestellt hatte, atmete einmal tief ein und dann, ganz langsam wieder aus. Ich schien seine Nerven …hatte ein Dschinn überhaupt Nerven… wohl etwas überstrapaziert zu haben, denn selbst in dem fahlen Dämmerlicht meiner Nachttischlampe sah ich wie sein Gesicht – ich schätzte mal vor Wut, zu kochen begann.

  »Ohhhhh«, prustete er, sprang wie ein HB-Männchen in die Höhe, und landete direkt vor meinem Bett. Dass er mich damit erschreckt hatte, störte ihn nicht, denn er stand weiter – wild gestikulierend vor mir. »So läuft das nicht! Nie! Jeder Mensch hat Wünsche – das liegt in ihrer Natur. Sie mal… es ist ganz einfach… denken – aussprechen – fertig… das Ganze mal drei und ich kann wieder gehen. Und nun – denke und sprich!«

  Ich war wie gebannt von seinem umwerfend schönen Gesicht. Die Worte sprudelten nur so aus seinen sanft anmutenden Lippen. Wie sie sich wohl auf meinen anfühlen würden? Himmel… was dachte ich da nur? Es war gut, dass er mit mir sprach, so hatte ich wenigstens weiterhin einen Grund ihn anzustarren.

  »Abgesehen davon, dass ich momentan nicht den Hauch eines Wunsches verspüre, könntest du bitte etwas leiser reden? Du weckst noch das ganze Haus auf«, rief ich ihn zur Räson.

  »Wenn es dein Wunsch ist«, entgegnete er und ein verschlagenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Mir lag das, Ja schon auf der Zunge als ich seine kleine Manipulation bemerkte und mit dem gleichen triumphierenden Lächeln wie er, dankend ablehnte.

  »Das darf doch nicht wahr sein!«, meuterte er. »Irgendetwas musst du doch wollen? Willst du Reichtum?« Aber ich schüttelte nur stumm den Kopf.

  »Willst du berühmt sein?« Erneut lehnte ich kopfschüttelnd ab.

  »Willst du einen neuen fahrbaren Untersatz?« Aber, noch bevor ich ablehnen konnte, fragte er – »Penthouse – Schmuck – einen Freund – gute Noten??? Irgendwas…«

  »Shtttt«, bat ich ihn erneut um eine etwas ruhigere Art der Kommunikation.

  »Niemand außer dir sieht oder hört mich – also mach dir deswegen keinen Kopf. Sorge dich lieber um deine abartige Wunschlosigkeit… das ist echt nicht normal!«

  Und er hatte recht, es gab tatsächlich etwas… Etwas, das ich mir mehr wünschte als jemals etwas zuvor.

  »Das kann ich dir nicht erfüllen«, flüsterte er nun auf Zimmerlautstärke.

  »Kannst du meine Gedanken lesen?«, fragte ich ertappt.

  »Nur wenn du dir etwas wünscht. Alles andere bleibt mir verborgen.«

  Ich atmete erleichtert auf. »Und?«

  »Was und?«

  »Wirst du mir meinen Wunsch erfüllen?«

  »Ich sagte doch schon, dass ich dass nicht kann.«

  Ich sah ihn enttäuscht an und hoffte innigst darauf, dass er seine Meinung doch noch änderte.

  »Sie mal, auch wir Dschinns müssen uns an ein paar winzig kleine Regeln in unserem Job halten. Es gibt nun mal gewisse Dinge, die nicht in unserer Macht liegen. Ich habe wahrscheinlich nicht einmal die Kraft um einen Toten wieder zum Leben zu erwecken. Ich bin ein Dschinn – nicht Gott.«

  »Ist das dein letztes Wort?«

  »Wenn du keinen anderen Wunsch hast…«, flüsterte er und sah zu wie mir aus lauter Wut und Verzweiflung bittere Tränen in die Augen stiegen, »leider – Ja.«

  »Dann pack deine doofe Kanne – Flasche oder was auch immer und mach dich damit vom Acker… Ich brauche keinen überkandidelten Dschinn, der noch nicht einmal in der Lage ist, mir meinen einzigsten Wunsch zu erfüllen. HAU AB!«, knurrte ich so laut, wie ich es mir meiner Eltern wegen gestattete. Aber er bewegte sich nicht.

  »Tut mir leid. Nicht dass ich nicht wollte… Ich meine – hey… ich würde liebend gern sofort verschwinden, aber ich darf nicht. Nicht richtig – nicht für immer, nicht solange…«

  »Ach, mach doch, was du willst!«, fuhr ich ihn an, löschte das Licht und kroch wütend unter meine Decke.

  »Wie heißt du eigentlich?«, fragte er nach einiger Zeit in die dunkle Stille, die nur von meinem gelegentlichen Schluchzen durchbrochen wurde.

  »Lilith.«, antwortete ich mechanisch.

  »Gute Nacht, Lilith!« Dann ertönte ein dumpfes Plong, und ich war allein.

 

 



 



 

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© 2011/12 Tine Armbruster